Weihnachten in Linn vor achtzig Jahren

Der älteste Einwohner des Dorfes erinnert sich...

Vor dem Haus des ältesten Linner Einwohners, Heini Kohler, hat der Weihnachtsbaum einen wundervollen Platz gefunden. Die warme, einladende Stimmung, welche die grosse Weisstanne mit ihren unzähligen Lichtern versprüht, ergänzt all die liebevollen Dekorationen, mit denen die Einwohner Linns ihre Häuser schmückten. Es ist eine Freude, durch das Dorf zu spazieren. Selbst bei diesen eher frühlingshaften Temperaturen kommt in Linn eine richtig schöne Weihnachtsstimmung auf.

Nachdem ich vor einiger Zeit auf Facebook auf die Linner Linde und ihr bezauberndes Dorf aufmerksam wurde und daraufhin mit meiner Wandergruppe Linn besuchte, luden mich Heini Kohler und seine Lebensgefährtin Hanni Korner ein, nicht nur die Linde, sondern auch den märchenhaften, riesigen Weihnachtsbaum zu sehen. Aus dem geplanten kurzen Besuch wurden einige unterhaltsame Stunden, und ich erfuhr so viele lustige, besinnliche und interessante Geschichten, dass ich noch sehr lange hätte zuhören können. Lebhaft schilderte Heini Kohler seine Kindheitserinnerungen aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts und die damalige Weihnachtszeit in Linn. Es ist mir eine Ehre und grosse Freude, diese für Sie aufschreiben zu dürfen!

Gehen wir also rund 80 Jahre zurück. Das Ortsbild Linns war von 18 Bauernhöfen geprägt. Kindergärten kannte man damals noch nicht. Bis die Kinder mit 7 Jahren eingeschult wurden, blieben sie daheim. Da zu jener Zeit noch mehrere Generationen unter einem Dach lebten, war immer gut für die Jüngsten gesorgt.

Damals lag über Weihnachten noch ein geheimnisvoller Zauber. Während der Duft von feinen Chrömli durchs Haus zog, gab es jede Menge Heimlichkeiten. Am Weihnachtstag war jeweils die Türe zum hinteren Zimmer verschlossen, die Kinder durften nicht mehr hinein. Das war immer sehr aufregend, schliesslich war ihnen gesagt worden, dass Engeli den Tannenbaum bringen und in der Stube schmücken werden. Die Türe wurde erst wieder geöffnet, wenn Mutter abends das Glöckli läutete. Das war das Zeichen, dass die Kleinen das hintere Zimmer nun betreten durften. Mit klopfenden Herzen bestaunten sie dann jeweils den prächtigen Baum, welcher in der Mitte der Stube erstrahlte und unter dem die vom Christkindli gebrachten Geschenke lagen. Es war Tradition, dass die Kinder, bevor sie ihre Päckli auspacken durften, ein Weihnachtslied sangen.

Auch in der Schule hatte die Weihnachtszeit noch einen viel grösseren Stellenwert als heute. Aus Kostengründen besuchten die Kinder von Linn und Gallenkirch ein gemeinsames Schulhaus. Früher gab es noch mehr Kinder im Dorf. Obwohl es nur etwa 90 bis 100 Einwohner hatte, gingen rund 30 Kinder zur Schule. Ein Lehrer unterrichtete sie bis zum 8. Schuljahr.  Alljährlich, wenn die Weihnachtsgeschichte einstudiert werden sollte, waren die Meitli viel begeisterter bei der Sache, wollten doch die Buben lieber Räubergeschichten oder wenigstens etwas Lustiges aufführen …

Natürlich hatten die Kinder damals auch schon jede Menge Blödsinn im Kopf, jedoch setzte sich der Lehrer durch. Immerhin waren die Buben begeistert bei der Sache, wenn es darum ging, Tannenzweige aus dem Wald zu holen und zusammen mit Balken im Milchhüsli-Depot zu lagern. Daraus entstanden dann im Schulhaus die Bühne und eine Hütte, in welcher für die Eltern nicht nur die Weihnachtsgeschichte gespielt wurde: Die Kinder sangen Weihnachtslieder und auch das Christkindli fehlte nicht. Es brachte (ermöglicht von Schule und Gemeinde) Säckli voller Chrömli, Zöpfli, Nüssen und Schoggi.

1965 änderte sich das Leben für die Linner Schüler. Zwar hätte es genügend Platz gehabt, aber 8 Klassen miteinander zu unterrichten war nicht mehr zeitgemäss. Ein neues Schulhaus entstand etwas ausserhalb des Dorfes. Während die Kleinen bis zum 5. Schuljahr weiterhin in Linn unterrichtet wurden, gingen die Grossen von nun an in die neue Schule. 

Die Zeit verging an dem Nachmittag bei Heini Kohler und Hanni Korner wie im Fluge. Zwischen den Erzählungen schaute noch spontaner Besuch herein: Erika und Emil Bläuer, die bis vor wenigen Jahren selbst noch in Linn wohnten, kamen vorbei.

In der Zwischenzeit war es draussen dunkel geworden. Der Wind strich durch die Zweige des Linner Weihnachtsbaumes und in der warmen Stube sah man die 1500 Lichter durchs Fenster funkeln und glitzern. Nun fehlte nur noch Schnee. Aber diesen gab es ausreichend auf alten Fotos zu sehen: Heini Kohler baute früher riesige, originelle Schneemänner. (Und es war, so erzählte mir ein Nachbar, sogar mal eine Schneefrau dabei!). Der Schneemann auf diesem Foto stand vor 10 Jahren etwa an der Stelle, wo heute die wunderschöne Tanne erstrahlt.

Ich möchte mich bei Heini Kohler ganz herzlich für den interessanten Ausflug in die Geschichte und die vielen privaten Erinnerungen bedanken!

Von Sabine Itting

Heini Kohler im Gespräch und Besuch von Emil Bläuer

Heini Kohler im Gespräch und Besuch von Emil Bläuer.

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Linn Aargau OrtsbildZwei Luftbilder veranschaulichen wie sich das Linner Ortsbild erhalten hat. Die bekannte 800 jährige Linner Linde ist links am Dorfeingang jeweils gut erkennbar.

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